Sommereinbruch
Hallo liebe Freunde des geschriebenen Wortes!
(in einem der größten Foren Deutschlands würde man hinter diesen Satz „scnr“ schreiben…)
Wir schreiben den 18. April 2007 und konstatieren, dass in den letzten Tagen für diese Jahreszeit untypische Temperaturen gemessen wurden. Böse Zungen und Klimafanatiker würden von der verfrühten klimatischen Apokalypse sprechen, wir aber, unverbesserliche Optimisten und noch dazu aufgeklärt, verweisen auf die alte Bauernregel April, der weiß nicht was er will, während wir flipflop-klatschend den nächsten Park aufsuchen, um die zunächst angenehmen Temperaturen auszunutzen.
Manchen scheint die Sonne sehr zugesetzt zu haben: Die Hinrichtungen, die ein 23jähriger gebürtiger Südkoreaner in Blacksburg vor zwei Tagen in der technischen Universität von Virginia begangen hat, sind für einen körperlich und geistig gesunden Erdenbürger nicht nachzuvollziehen. Abgesehen davon, dass dies nicht der erste und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit leider nicht der letzte Tötungslauf (von Amoklauf kann hier keine Rede sein, denn der Begriff Amok, der aus dem Malayischen stammt, bedeutet soviel wie in blinder Wut angreifen und töten, was hier auf Grund der Zielgerichtetheit des Massenmörders ausscheidet) war, den die Medien ausschlachten können. Das Bedürfnis nach Information ist nach zwei Tagen Berichterstattung jedenfalls mehr als gedeckt. Nur aus Kondolenz gegenüber den Angehörigen der Opfer wird an dieser Stelle auf weitere wertende Äußerungen bezüglich der Medienberichte verzichtet.
Fraglich ist, was die Konsequenzen der ganzen Aktion sein werden. Die Politik fühlt sich – auch angestachelt durch die Medien – in der Verantwortung. Auch in der Bevölkerung werden da schnell Rufe nach dem Staat laut. Der Staat – ein Gebilde, das in Zeiten supranationaler Beziehungen häufiger totgesagt wird denn als funktionierend bezeichnet. Immerzu wird er verteufelt, als behäbiger, langsamer, unflexibler Leviathan, der in den letzten Atemzügen liegt. Wenn dann aber materielle Not oder andere Probleme auftreten, die scheinbar für den Einzelnen unmöglich zu lösen sind, ist der Staat wieder en vogue.
Aber so ist der Mensch. Hält er sich für frei in seinem Willen, so ist er doch Sklave seiner Primitivität. Ein weiteres Beispiel dafür, dass das Denken in größeren Zusammenhängen nur wenigen vergönnt ist, war heute auf der Seite von heise.de zu lesen: Dort ging es in einem Artikel, der einen Feldversuch zur Einführung von elektronischen Reisepässen (Betriebswirte der New Economy würden ePass sagen) zum Inhalt hatte.
Nach Auskunft des Bundesinnenministeriums läuft der am 1. März gestartete Feldtest zur Aufnahme von Fingerabdrücken im elektronischen Reisepass (ePass) problemlos. Die Akzeptanz zur Abgabe des Fingerabdruckes sei in der Bevölkerung vorhanden. Nur vereinzelt fragten Antragsteller nach, was mit den abgenommenen Fingerabdrücken passiert. Die meisten freuten sich über den Preisnachlass von 5 Euro, mit dem Meldeämter die Testteilnahme „vergüten“.
Das muss man sich einmal vorstellen: Das fertige Machwerk geht zu einem Preis von 59 Euro über die Amtstheke, 5 Euro Ermäßigung stellen im Verhältnis dazu eine Ersparnis von weniger als 10% dar.
Das erinnert unweigerlich an das feature (ja, die New Economy hat es mir angetan!) Rechnung Online eines großen Telekommunikationsunternehmens, das für den Verzicht auf eine gedruckte Rechnung dem Kunden einmalig 5 Euro gutschreibt. Im Gegenzug kann der Kunde „bequem zu Hause“ die Rechnung ausdrucken (und seine Zeit und seine Druckerressourcen dafür verwenden). Dass besagtes Unternehmen so durch die Einsparung von Papier (und Mitarbeitern) Millionen spart, ist aus seiner Sicht ein netter Nebeneffekt. Vorteile hat das Ganze über die 5 Euro hinaus für den Kunden: So kann man für rund 50 Euro im Monat unbegrenzt im Internet surfen und im Festnetz telefonieren. Toll!
Vielleicht ist es gerade diese Einfältigkeit, die dem Bürger auf der Straße das Verständnis für so manche politische Entscheidung verwehrt.
Um den Kreis zu schließen:
Fakt ist, dass derjenige, der mit Waffengewalt töten will, das immer tun kann. Wo immer Menschen miteinander leben, laufen sie heute leichter als jemals zuvor Gefahr, von einem fehlgeleiteten Mitmenschen getötet zu werden. Die Politik ist machtlos. Zum friedlichen Miteinander muss heute mehr denn je auch auf das Wohl des anderen geachtet werden, denn nur derjenige, der leidet, greift zu solch rabiaten Mitteln, um seiner Verzweiflung Ausdruck zu verleihen und gleichzeitig Rache an einer ignoranten Gesellschaft zu üben.

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