Nach einem lauten und vor allem sensation-ellen Jahreswechsel kehrt endlich wieder Ruhe und Konzentration auf das Wesentliche ein. Denn der Volksmund sagt: Wer das Studium nicht vernünftig abschließt, kommt nie auf einen grünen Zweig. Grund genug, sich (natürlich neben Bund-Länder-Streitigkeit und zweifach bedingtem Eigentumsvorbehalt) mit der Frage zu beschäftigen, wo diese doch recht häufig anzutreffende Redewendung ihren Ursprung hat. Bei der Suche nach Ansatzpunkten trifft man zunächst auf das Buch der Bücher: Das Wort Gottes, die Heilige Schrift. So heißt es da im 15. Kapitel des Buches Hiob (Vers 32):
Wenn sein Tag noch nicht da ist, so erfüllt es sich [schon]; und sein Sproß wird nicht grün. [Quelle]
An anderer Stelle findet sich folgende Übersetzung:
Er wird ihm voll ausgezahlt werden noch vor der Zeit, und sein Zweig wird nicht mehr grünen. [Quelle]
Offensichtlich war die Übersetzung des Buches Hiob (Jiob, Ayub), das ursprünglich ein Buch des jüdischen Tanach ist, an dieser Stelle problematisch. Zur Auslegung könnte man sich des Kontexts der „Botschaft“ bedienen. Nicht umsonst nennt man eine schlechte Nachricht heute auch Hiobsbotschaft, wenngleich mittlerweile den wenigsten der Ursprung dieses Begriffs noch präsent sein dürfte.
Hiob war ein für seine Zeit ausgesprochen wohlhabender Viehzüchter, der als besonders fromm galt. Satan stellte Hiobs Frömmigkeit auf die Probe, indem er ihm nach und nach das nahm, was ihm lieb und teuer war, sprich Besitz und Eigentum an seinen Tieren, sein Haus, seine Gesundheit, schließlich seine zehn Kinder. Jeder dieser Rückschläge, die Hiob innerhalb kurzer Zeit ereilten, stellt eine solche Botschaft da, die man heute in ähnlichen Situationen geneigt ist zu zitieren. Übrigens reagierte Hiob vergleichsweise gelassen auf die Katastrophen, indem er einen weiteren heute noch häufig bemühten Satz aussprach:
Und er sagte: Nackt bin ich aus meiner Mutter Leib gekommen, und nackt kehre ich dahin zurück. Der Herr hat gegeben, und der Herr hat genommen, der Name des Herr sei gepriesen! [Hiob 1, 21]
Es folgt eine Diskussion über Leiden, Gerechtigkeit und die Bedeutungslosigkeit des Menschenlebens. Elifas von Teman, der neben Bildad aus Schuach und Zofar aus Naama an dem Gedankenaustausch beteiligt war, wurde der fragliche Satz in den Mund gelegt.
Um des besseren Verständnisses willen sollen zusätzlich Hiob 15, 30 f. zitiert werden:
Er entweicht der Finsternis nicht; seine Triebe dörrt die Flamme aus, und er muß weichen beim Hauch seines Mundes. Er verlasse sich nicht auf Nichtiges, er wird irregeführt; denn Nichtiges wird sein Eintausch dafür sein.
Somit ergibt sich, dass der nachfolgende, hier in Rede stehende Vers eindeutig einen Bezug zum Tod aufweist. Ein Zweig, der nicht mehr ergrünt, muss hier als Bild bzw. Metapher für Sterben und Tod verstanden werden. Im Kontext der Bedeutungslosigkeit des Menschenlebens kann man zu keinem anderen Ergebnis kommen. Dieser grüne Zweig kann also nichts mit demjenigen zu tun haben, der die Versinnbildlichung eines erlangten Vorteils oder einer erlangten Position zum Inhalt hat.
Der Ursprung des besagten Zweigs ist also nicht im Zweistromland zu suchen. Stattdessen führt die Suche ins zentraleuropäische Hochmittelalter: Wiederum ein Buch könnte für die Überlieferung der Redewendung von zentraler Bedeutung gewesen sein. Aber nicht Texte des Sachsenspiegels sind an dieser Stelle primär von Interesse, sondern die Illustrationen.

Im Bild sieht man rechts den weltlichen Herrscher, der offensichtlich als Zeuge fungiert und die Übergabe des Zweiges billigt. Hintergrund der Zweigübergabe ist die Übereignung eines Grundstücks, im Bild symbolisiert durch die Ähren. Der Zweig dient folglich der Publizität der Grundstücksübertragung, so dass klar wird, dass man sich bereits im Hochmittelalter des gesteigerten Publizitätserfordernisses bei Übertragungen von Grundstücken bewusst war.
Somit kommt derjenige auf einen grünen Zweig, der ein Grundstück sein Eigen nennen kann. In Zeiten eines digitalisierten Grundbuchs kann es nicht verwundern, dass diese Jahrhunderte alte Tradition in Vergessenheit geriet.